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Kunstwerk-Analyse: Der Tanz von Henri Matisse
Ein näherer Einblick 10 Apr 2019

Kunstwerk-Analyse: Der Tanz von Henri Matisse

Matisse
Henri Matisse, Tanz (1909-1910)

Der Tanz gehört zu den berühmtesten Werken von Henri Matisse. Es  ist eine Ode an das Leben, an die Freude und an die körperliche Hingabe und wurde zu einem Emblem der modernen Kunst. Das Kunstwerk wurde zusammen mit dem dazugehörigen Gemälde Musik 1909 von dem einflussreichen russischen Sammler Sergei Shckukin für die Dekoration seines Anwesens in Auftrag gegeben. Dieses ekstatische Bacchanal, das sich durch seine Einfachheit und Energie auszeichnet, hinterließ einen bleibenden Eindruck in der Kunst des 20. Jahrhundert. Der Tanz wurde auf dem Höhepunkt der fauvistischen Ästhetik gemalt und verkörpert die Emanzipation von den traditionellen Darstellungskonventionen der westlichen Kunst. Heute hängt der Tanz zusammen mit seinem Partner Musik in der Eremitage in St. Petersburg.

Die kräftigen Farben und der ehrliche Stil des Fauvismus

Henri Matisse‘ ästhetische Entscheidungen für dieses Gemälde lösten in den Kunstsalons von 1910 einen ziemlichen Skandal aus. Der kühne Akt und die grob aufgetragenen Farben verleihen dem Kunstwerk einen primitiven Charakter, der in den Augen einiger Betrachter grausam erschien. Matisse verwendete nur drei Farben für die Darstellung dieser Ausschweifung: Blau, Grün und Rot. Im Einklang mit den traditionellen Farbassoziationen des Fauvismus schaffen diese drei lebhaften Farbtöne einen intensiven Kontrast. Charles Caffin, ein Kunstkritiker, der Matisse in seinem Atelier bei der Arbeit an der Leinwand beobachtete, stellte fest, dass „die Pigmente rein aus der Tube waren“.

Die Sparsamkeit in Bezug auf Stil und Details führte zu zweideutigen Figuren, deren Gesichtsausdruck und Geschlecht nicht klar definiert sind. Die roten Silhouetten sind mit starken Konturen vor dem blauen und grünen Hintergrund umrissen. Matisse erforschte die Beziehung zwischen Farben und Linien, um Harmonie zu schaffen; für ihn waren Farben nicht dazu bestimmt, isoliert zu wirken. Außerdem gibt es keine architektonischen Merkmale oder Landschaftsmarkierungen, die ein Gefühl von Perspektive oder Entfernung vermitteln könnten. Die riesige Leinwand (260 cm x 391 cm) hat einen sehr flachen Hintergrund und der einzige Fokus liegt auf den tanzenden Figuren.

Primitivismus und Fauvismus

Max Pechstein
Beispiel für ein primivistisches Werk von Max Pechstein: Die Tötung des Festtagsbratens (1912)

Die Fauves ließen sich vom Primitivismus dazu inspirieren, Kunst zu schaffen, die zum Wesen der Natur und der Gemeinschaft zurückkehrt. Seine grob umrissenen Figuren vom Tanz erinnern an primitivistische Stile und das Thema, Figuren, die in einer leeren, vielleicht „jungfräulichen“ Landschaft miteinander kommunizieren, kann als ein Plädoyer für eine notwendige Wiedervereinigung mit der Natur gelesen werden. Die Nacktheit der Figuren zeigt zum Beispiel eine Ablehnung der modernen Zivilisation. Das Kunstwerk wird zum Symbol der Einheit zwischen Mensch, Himmel und Erde.

Matisse wollte eine Synthese des Primitivismus schaffen. Die unbeholfenen, von der primitiven und volkstümlichen Kunst inspirierten Figuren und die leuchtenden, energiegeladenen Farben drücken Instinkt und Natur aus. Die Individuen sind völlig in ihrem Tanz versunken, ohne Rücksicht auf die täglichen Verpflichtungen und die Arbeit. Matisse konzentriert sich nicht auf die individuelle Erscheinung der Tänzer, sondern auf die Bewegung und den Rhythmus, den sie gemeinsam erzeugen. Der Tanz ist das ultimative Symbol für die Versöhnung der Individuen.

Matisse
Nahaufnahme des Tanzes

Die fünf Figuren halten sich im Kreis an den Händen, aber auf der linken Seite können wir feststellen, dass die Hände der beiden Personen getrennt sind. Die Hände berühren sich nur leicht, anstatt sich zu halten. Matisse hat den Bruch jedoch sorgfältig dort platziert, wo er das Bein der anderen Figur überlappt, um die Harmonie der Farben und des Kreises nicht zu unterbrechen. Da die Bruchstelle dem Standpunkt des Betrachters am nächsten ist, kann sie als Einladung zum Mitmachen interpretiert werden. Der Kreis findet diejenigen, die „draußen“ sind, und vereint so die Individuen.

Eine Faszination für den Tanz

Die Lebensfreude
Henri Matisse, Die Lebensfreude (1906)

Das Thema Tanz nahm einen wichtigen Platz in Matisse‚ Leben und Werk ein. Matisse veranschaulichte dieses Interesse erstmals in dem Gemälde Le bonheur de vivre (Die Lebensfreude) von 1906. Die Tänzerinnen und Tänzer in Tanz befinden sich in einer sehr ähnlichen Position wie die Tänzer im Hintergrund von Die Lebensfreude. Das Motiv hat Matisse offensichtlich so sehr interessiert, dass er es isolierte und ihm ein ganzes Gemälde widmete. Dem Kunstkritiker Charles Caffin zufolge begann die Faszination des Künstlers für den Tanz jedoch in der Moulin de la Galette, wo er tanzende Menschen beobachtete. Diese Art des Volkstanzes stand im Gegensatz zu den formellen, traditionellen oder klassischen Tanzarten wie dem Ballett. In dieser Hinsicht bietet der Tanz eine Reflexion über die Entwicklung des Tanzes.

Genauer gesagt handelt es sich bei dem Reigen, der das Gemälde inspiriert hat, um einen Fischertanz, den der Künstler in der südfranzösischen Stadt Collioure beobachtete, eine Version der „Sardana“, einer traditionellen katalanischen Farandole.

Mit Musik Bewegung schaffen

Trotz des simplen Stils des Gemäldes entwickelt Matisse im Tanz ein Gefühl für Bewegung und Raum. Der endlose Himmel und die runden Formen, scheinen von der Energie der rhythmisch aufgeladenen Körper durchdrungen zu sein. Sie scheinen wie in Trance zu sein und der Betrachter kann fast den Schlag der Trommeln hören und sich einen wilden Tanz vorstellen, während sich die Figuren im Kreis drehen. Die Verbindung von Tanz und Musik ist von wesentlicher Bedeutung, da die Musik den Rhythmus bestimmt. In dieser Hinsicht ist es interessant, den Tanz parallel zu seinem Gegenstück, der Musik, zu analysieren. Die ständige Bewegung im Tanz steht in krassem Gegensatz zur Musik, wo die Figuren vertikal und statisch sind, während die Sänger fast wie Zuschauer aussehen, die mit auf den Knien ruhenden Armen zu den Tänzern aufblicken.

Die Regeln brechen

Degas
Edgar Degas, Le Foyer de la danse à l’Opéra (1872)

Er gibt im Tanz die „französische Handwerkskunst“ auf und wendet sich einer Ästhetik des Primitivismus und der afrikanischen Kunst zu. Er distanziert sich von Details und Finessen, wie man sie in den vom Ballett inspirierten Werken von Edgar Degas findet. Matisse destilliert seinen Stil auf das Wesentliche und ignoriert die etablierten Regeln von Genre, Ästhetik, Harmonie und Ordnung. Stattdessen geht es in seinem Werk um ein rohes Gefühl und Energie. Er gibt der Farbe und der Linie eine Freiheit, die man selten zuvor gesehen hatte.

Matisses Ziel war es jedoch nicht, das Publikum zu schockieren oder in Verlegenheit zu bringen. Ganz im Gegenteil, er wollte die Menschen wieder miteinander und mit der Natur vereinen. Der Maler sagte: „Ich träume von einer ausgewogenen, reinen und ruhigen Kunst, die Ärger oder frustrierende Themen vermeiden kann. Diese Art von Kunst gibt dem Geist eines jeden Menschen Frieden und Komfort, wie ein bequemer Stuhl, auf dem man sich ausruhen kann, wenn man müde ist.“ Auch wenn viele Betrachter damals nicht über den gewagten Stil des Gemäldes hinwegsehen konnten, können wir das Werk heute als eine Ode an das frohe Leben, die Freude und die Natur schätzen.




Über Artsper

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